Leben und Arbeiten in Moskau - www.ostblog.tv

Und nächstes Jahr in Baku
mueller_moskau
Das Gedächtnis der Öffentlichen Meinung ist bekanntlich kurz und Moral keine politische Kategorie. Als der libysche Dikatator Gaddafi im Februar wieder einmal damit anfing die Bevölkerung seines Landes umzubringen kamen schnell die Rufe, wie habe Europa denn mit diesem Verbrecher Geschäfte machen können. Der Westen habe seine Werte verkauft um Zugang zu Erdöl und anderen Bodenschätzen zu bekommen, Stars spendeten die teurer Geschenke, die sie von Gaddafi erhalten hatten für einen guten Zweck und alle Welt war sich auf einmal einig, dass dieser böse böse Mann jetzt wirklich von der internationalen Staatengemeinschaft geächtet werden müsse.

Ich frage mich ob diese gleichen  Politiker das alles im Kopf haben, wenn sie jetzt beim "World Economic Forum" in Wien den Vertretern so demokratischer und progressiver Staaten wie Aserbaidschan und Turkmenistan die Hand drücken.  Es gehe um große Geschäfte und die Versorgung Europas mit Öl und Gas, sagen die Politiker, Zentralasien und der Kaukasus seien Zukunftsregionen, da müsse man über solche Dinge doch hinwegsehen. Das gleiche werden wir wohl in einem Jahr hören, wenn der Song-Contest ausgerechnet in Baku stattfinden wird.

Wie demokratisch, offen und transparante zum Beispiel Aserbaidschan mit seiner Opposition umgeht kann man hier nachlesen
www.esiweb.org/index.php

Und wie hervorragend die Länder dieser Zukuftsregion im internationalen Vergleich politisch dastehen kann man hier nachlesen, zB "Feind der Pressefreiheit" (Reporter ohne Grenzen über Aserbaidschan), "nicht frei" (Freedom House über Tukrmenistan und Usbekistan).
www.laender-analysen.de/dlcounter/dlcounter.php

Aber die Politik kann sich eben nicht um alles kümmern. Vergangene Woche wurden in Wien drei Männer zu langen Haftstrafen verurteilt, weil sie an der Ermordung des tschetschenischen Flüchtlings Umar Israilov in Wien vor zwei Jahren verwickelt waren. Laut dem Urteil hatten die Männer geplant Israilov an eine "ausländische Macht" auszuliefern, wie das auf Juristen-Deutsch heißt. Gemeint ist damit Russland, genauer gesagt Tschetschenien. Bei dem großen Staatsbesuch von Bundespräsident Heinz Fischer vor einigen Wochen war davon aber nicht die Rede, wichtiger waren die Geschäfte der mehr als 140 Wirtschaftstreibenden, die gemeinsam mit dem Präsidenten nach Russland gekommen waren. Fischer hat die russische Seite übrigens nicht auf den Fall Israilov angesprochen. Dafür plant er im Herbst eine Reise nach Aserbaidschan und Tukrmenistan.

Wir sehen: Erst kommt das Fressen/Öl/Wirtschaftsbeziehungen und dann die Moral.

Erdgas - nichts bleibt wie es war
mueller_moskau
Die Forschungsstelle Osteuropa der Universität Bremen hat einen wie immer hevorragenden Newsletter zur Gas- und Ölwirtschaft Russlands veröffetnlicht. Kurzzusammenfassung: Gasprom bekommt ein Problem, da die Absatzmärkte für Erdgas sich ändern. Erstens wird weltweit deutlich weniger Gas gebraucht als erwartet, zweitens gibt es neue unerwartete Produzenten (Shale-Gas) und drittens geht der Trend weg von den langfristigen Lieferverträgen mit fixen Preisen zu freier Preisgestaltung auf Spot-Märkten. Für Gasprom und damit für Russland eine große Herausforderung

www.forschungsstelle.uni-bremen.de/images/stories/pdf/ap/fsoap113.pdf

Stell dir vor es ist Gipfel und keiner geht hin
mueller_moskau
Am Donnerstag beginnt in Nischnij Nowgorod der erste EU-Russland-Gipfel des heurigen Jahres. Pro Jahr gibt es zwei solcher Gipfel, damit jedes EU-Vorsitzland in den Genuss eines Treffen mit der Führung des  russischen Staates kommt. Da die rotierende Ratspräsidentschaft inzwischen abgewertet worden ist haben auch diese vielen Gipfel mit Russland nicht mehr so viel Sinn, und dementsprechend wird sich auch der Gipfel diese Woche gestalten. 

Denn worüber Barroso-van Rompuy in Nischnij mit Medwedew reden werden ist irgendwie unklar. Gut, das Importverbot von Gemüse aus der EU wird besprochen, eine wie auch immer geartete Entscheidung wird es aber nicht geben. Lybien ist ein Thema, aber da ist Russland zuletzt auch auf die europäische Linie einegschwenkt. Die EU hätte sich darüber gefreut wenn die russische Seite gebeten hätte den Gipfel abzusagen, heißt es aus Diplomatenkreisen. Und auch Russland hätte nichts dagegen gehabt den Gipfel zu canceln, wenn die EU darum gebeten hätte. Aber keine Seite wollte den ersten Schritt machen und so findet eben ein weitgehend sinnentleerter Ausflug der EU-Spitzen nach Nischnij Nowgorod statt.  

Hier eine interessante Analayse der EU-Russland-Beziehungen
ecfr.eu/content/entry/commentary_the_eu_russia_summit_what_really_matters

Grotesk wie immer war die Akkreditierung: Bereits vor einem Monat mussten wir uns für die Veranstaltung anmelden und dabei auch unser Hotel in Nischnij angeben. Leider gab es vor einem Monat noch keinen genauen Termin (es hieß nur: Erstes Quartal Juni). Wie soll man da ein Hotel buchen? Weiteres Detail: Die Akkreditierung läuft über die Kreml-Administration. Die Mitarbeiter haben aber nicht, wie zu erwarten, eine emailadresse dies diesem Muster folgt: xxx@kremlin.ru Stattdessenn läuft die Kommunikation im Kreml offenbar fast ausschließlich über Google-Mail. Kein Wunder, dass die mangelnde Innovationsfähigkeit Russlands als eines der Hauptprobleme bei der weiteren Entwicklung des Landes gilt, wie der gestern veröffentlichte "Russia Competitivness Report 2011" wieder einmal hervorhebt.

www.weforum.org/reports/russia-competitiveness-report-2011
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Berichte Tschetschenien
mueller_moskau

Gestern lief mein Bericht über Tschetschenien in der Sendereihe "Journal-Panorama" auf Ö1. Hier der Link zum Nachhören:

http://oe1.orf.at/konsole?show=ondemand#?track_id=275881


Und hier der LInk zum Fernsehbeitrag in der ZIB2
tvthek.orf.at/programs/1211-ZIB-2/episodes/2302877-ZIB-2/1700925-Menschenrechtsverletzungen-in-Tschetschenien



Korrespondentitis
mueller_moskau

Die Kollegin vom finnischen Fernsehen hat mir kürzlich einen netten neuen Begriff beigebracht: Korrespondentitis. Unter diesem Begriff versteht man eine Krankheit von Korrespondenten, die sich im Lauf ihrer Auslandstätigkeit immer weiter verstärkt. Die Verschlimmerung geht nicht ständig vor sich sondern passiert schubweise. Akut tritt Korrespondentitis auf wenn die Heimatredaktionen wieder einmal nicht verstehen, warum ein Ereignis oder eine Geschichte im Berichtsgebiet wichtig ist. Besonders schwer sind die Ausbrüche dieser heimtückischen Kankheit wenn die Heimredaktionen von einem Ereignis völlig überrascht sind, auf das man sie seit längerem hingewiesen hat und das eigentlich vorhersehbar war.

In diesem Sinne: Dass der ORF in der letzten Woche nicht über die Ereignisse in Georgien berichtet hat, hat meine Korrspondentits deutlich verstärkt. Und dass unser Publikum auch über die massive Abwertung der Währung, die Proteste und die Wirtschaftskrise in Belarus praktisch nichts erfahren hat lag auch nicht an mir. Andere Dinge sind eben wichtiger und Österreich ist in Weißussland ja nur der zweitgrößte Auslandsinvestor. Was solls...

À propos Belarus: Seit diesem Mai gibt die Redaktion der "Länder-Analysen" auch einen eigenen Newsletter für Belarus heraus. Die erste Nummer widmet sich der politischen Entwicklung nach der Präsidentschaftswahl und geht der Frage nach, wer das Land wirtschaftlich retten kann (und soll):
www.laender-analysen.de/belarus/
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Besuch des Bundespräsidenten
mueller_moskau


t9

Ein paar Köpfe größer
mueller_moskau
Glaubt man der russischen Gerüchtebörse gab es nur einen Grund, warum Wladimir Putin als seinen Nachfolger ausgerechnet Dmitrij Medwedew ausgesucht hat: Medwedews ist noch einige Centimeter kleiner als der Sitzriese Putin.
Würde man dieser Theorie folgen dürfte Michail Prochorow in der russischen Politk keine große Rolle spielen.



 Prochorow, der drittreichste Mann Russlands, hat gerade erklärt dass er die Partei "Gerechte Sache" übernehmen und als neue große Oppositionskraft aufbauen will.  Und ohne Zustimmung von ganz oben (in diesem Fall: Einem Zuruf von unten) dürfte er das sicher nicht gemacht haben. Wohl kein Zufall, dass wenige Tage nach der Ankündigung Prochorows der frühere Vorsitzende der kleineren Kreml-Partei "Gerechtes Russland" Sergei Mironow als Vorsitzender des Föderationsrates abgewählt worden ist - der politische Todesstoß für dieses sowieso nicht besonders erfolgreiche Projekt.

newtimes.ru/articles/detail/39127

Die Präsidenten und die Wirtschaft
mueller_moskau
 Bundespräsident FIscher ist zur Zeit auf Staatsbesuch in Moskau und wird dabei von der größten Delegation begleitet, die je mit einem Präsidenten mitgereist ist: 200 Leute, der Großteil davon Wirtschaftstreibende. In der Vorbereitung der Reise habe ich mir angeschaut, wie gut die Lage für österreichische Firmen wirklich ist und eine Reihe von Beiträgen darüber gestaltet:

Ö1-Wirtschaftsmagazin Saldo mit einer langen Online-Version
oe1.orf.at/programm/275005

ZIB2 über die Beziehungen zwischen Putin und Medwedew
tvthek.orf.at/programs/1211-ZIB-2/episodes/2259461-ZIB-2/2259753-Bundespraesident-Fischer-in-Moskau

ZIB2 über die Wirtschaftsbeziehungen
tvthek.orf.at/programs/1211-ZIB-2/episodes/2263183-ZIB-2/2264161-Bundespraesident-Fischer-in-Moskau

Noch ein Jahr bis zur Präsidentschaftswahl
mueller_moskau

In einem Jahr wird in Russland ein neuer/alter Präsident gewählt und die Aufregung vor der Entscheidung "Medwedew vs. Putin" nimmt schon fast hysterische Züge an. Bei der Pressekonferenz von Medwedew, auf deren Beginn ich gerade warte sind 800(!) Journalisten akkreditiert..
Hier einige Artikel und Einschätzungen, wie das ganze Theater weitergehen wird:

www.osw.waw.pl/en/publikacje/eastweek/2011-05-11/putin-s-preelection-offensive

ecfr.eu/content/entry/commentary_putin_is_not_superman

http://www.rferl.org/content/behind_closed_doors/24177795.html


Kopfschuss
mueller_moskau
Ein Video auf Youtube deckt wieder einmal die russische Zweiklassengesellschaft im Verkehr auf.  Autos von Beamten, Reichen und Schönen sind hier ja mit Blaulicht unterwegs, den so genannten "Migalki". Da jeder weiß dass ein Großteil dieser Blaulichtfahrer in Wirklichkeit keine Vorfahrt verdient gibt es immer mehr Autofahrer die sich weigern Platz zu machen. Das sorgt für Nervosität, wie dieser Zwischenfall zeigt. "Vollkoffer! Brauchst du einen Kopfschutz um zu verstehen, du Arsch!" brüllt der Lenker dieses Dienstwagens des Katastrophenschutzministeriums über Lautsprecher einen Fahrer an, der sich weigert ihm auf dem Autobahnring Platz zu machen:



Angeblich wurde der Fahrer inzwischen bestraft heißt es aus dem Ministerium, er sei gar nicht dienstlich unterwegs gewesen. Wie wäre es denn, wenn diese Blaulichter einfach abgeschafft würden??

www.newsru.com/russia/16may2011/autoshoigu.html

www.themoscowtimes.com/news/article/shoigu-drivers-ire-caught-on-video/436827.html
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